Um die Weihnachtszeit letzten Jahres kam mir ein Artikel von Juli Zeh in der Welt mit dem Titel “Selbstgewählte Dummheit” auf den Schreibtisch. Da ich annehme, dass dieser Artikel für mich ebenso verstörend und wütend machend war wie für die meisten Anderen, möchte ich hierzu ein paar generelle Gedanken formulieren. Entgegen meiner Gewohnheit möchte ich hier versuchen nicht Fakten zu berichten sondern ein Gefühl zu beschreiben. ein Gefühl von dem ich weiß, dass viele Menschen es kennen: Etwas stimmt nicht mit unserer Welt. Irgendetwas läuft ganz furchtbar schief! Der Artikel kommt da wie gerufen, geht es doch auch in meinem Leben in den letzten Wochen verstärkt um Bildung, um Bildungspolitik und unseren Platz in der Gesellschaft – Kurz: Um unser Selbstverständnis als so genannte Bildungsbürger.
Dabei sind meiner Meinung nach Bildungsbürger Marionetten und Missionare zugleich. Ihre Religion ist Funktion und Leistung ist ihr Gottesdienst. In der komplexen postindustriellen Welt in der wir leben, wird aus der Tatsache dass wohl kaum Einer oder Eine noch in der Lage ist sich selbst zur versorgen, am Leben zu erhalten oder auch nur warm, die Erkenntnis geboren, dass wir als Menschen , als Individuen mehr denn je abhängig sind von der Gemeinschaft, in der wir leben sind. Eine schier unüberschaubare Gemeinschaft ist das, kaum durchsetzt von Zwangsbedingungen, wie es früher aus Tradition oder technischer Notwendigkeiten der Fall war. Als riesiges Gebilde aus großen und kleinen Zahnrädern hat sie sich längst selbst definiert. Vielfalt und Größe schafft Stabilität. Viele Elemente der selben Art sorgen für eine einfache Wartung der Maschine unserer Gesellschaft. Doch ist auch dieses Gebilde nicht unanfällig gegen Ausfälle. Jedes Rädchen zählt für die schier unermessliche Aufgabe diese unsere Gemeinschaft am Leben zu erhalten.
Auch wenn allgemein angenommen wird, der einzelne Mensch ist nicht wichtig für den Betrieb unserer Gesellschaftsmaschine so glaube ich Anderes und habe auch Indizien. Jeder und jede Einzelne ist unerlässlich und seine oder ihre Funktion darf nicht und unter keinen Umständen beeinträchtigt werden. Schlimm genug ist es da, dass Menschen die Eigenschaft haben krank zu werden, also kaputt zu gehen. Für die “Leistungsträger”, die Bildungsbürger, der Gesellschaft ist dies allerdings nicht tragbar, deshalb sehen wir Tag ein, Tag aus das Abbild des gesunden, leistungsfähigen und glücklichen Menschenideals über unseren Körpfen und vor unseren Augen schweben, wie der Engel Gabriel dem Saulus erschienen seien muss bevor dieser zum Paulus wurde. Glücklich? Wird da Einer oder Eine fragen. Wie kann es sein, dass das Zahnrädchen, die Funkton im System, glücklich sein muss oder kann? Darauf antworte ich: “In einem gesunden Körper wohnt ein gesunder Geist.” Ich sage dies nicht weil es meine antwort wäre, nein, im Gegenteil. Es macht den Eindruck, dass für uns, die wir Zahnrädchen werden sollen, nur noch die erste Hälfte dieses Satzes zählt und so sind wir glücklich denn allein die wage Ahnung auf die zweite Hälfte, den gesunden Geist, reicht aus uns zufrieden zu stellen solange wir nicht husten, unsere Knie und Hände nicht schmerzen oder unsere Stimmen nicht versagen wenn wir doch eigentlich unsere Funktion erfüllen sollen. Doch was uns zuerst und vor Allem fehlt, ist der gesunder Geist! Den aber können uns unsere Gabriels und Michaels und Raphaels nicht verkünden wenn sie von Filmplakaten, Kosmetikwerbungen oder Zeitschriften zu uns predigen. Getrieben von fanatösem Eifer, können sie nur verkünden was dem großen Ganzen dient, was doch für uns alle der Glaube sein sollte. Diese Engel, denen wir nacheifern, können nicht denken, es war nie ihre Funktion. Denn nur der Mensch als Individuum allein lernt sich zu bilden, ist die Veränderung in der Welt und die Dynamik, die uns vor immer neuen und größeren Gefahren schützt.
Wir alle allerdings töten diesen Menschen indem wir uns zu Engeln machen lassen, wir töten nicht nur unsere Chance darauf, uns und unsere Nächsten zu verstehen sondern auch unsere Chance überhaupt zu verstehen, wer wir sind, wer ICH bin, wer DU bist. Die Fragen “Wer bist du?” und “Was willst du?”, die wir uns stellen müssen, immer und immer wieder in unseren Leben, können die Engel, kann die Gesellschaft nicht für uns beantworten. Diese Fragen zu stellen und zu beantworten, braucht es Bildung. Bildung fernab von Zweck und Ziel. Bildung von Persönlichkeiten. Menschen die Wissen, die Fühlen, die Fragen und Zweifeln. Menschen deren Religion das Fragen, deren Gottesdienst die Suche nach Antworten ist.
Bildung heißt nicht gleich Lehrplan, Schulsystem und Prüfung. bildung heißt auch nciht das abwägen von Vor- und Nachteil, von Kapazität und Effizienz. Bildung heißt sich Rüsten für eine ungewisse Zukunft. Unsere Zukunft ist dabei immer noch weniger ungewiss als die Anderer. Wir müssen nicht bangen um Essen, Kleidung, Wärme und Unterkunft, denn dafür ist gesorgt. Wir müssen um nichts weniger bangen als unseren Verstand!
Unser Verstand und das Verständnis für und von der Gesellschaftsmaschine, schützt, erhält und bildet unsere Individualität, unseren Willen. Ohne den Willen zur Veränderung und die Werkzeuge unseres Verstandes wird es uns nicht möglich sein in der Welt unserer Engel zu leben, zu überleben. Ohne die Bildung unseres eigenen Verstandes werden wir nie in der Lage sein den göttlichen Kreislauf von Rad zum Zahnrad zum Ersatzteil zu zerbrechen. Wir werden nie mehr sein können als das Ideal, dass wir uns selbst in grandioser Ignoranz in Form unserer Engel gesetzt haben. Un der Weg der sich ergibt ist klar: Von der Gesellschaftsmaschine wird am Ende nur die Maschine bestand haben.
Doch wer nutzt sie, wem nützt sie dann? Die Gesellschaft, das seid IHR. Wir alle müssen uns Fragen wie sehr wir uns der Sicherheit des Konsums, der Funktion unseres Platzes in einer Gesellschaftsmaschine wirklich hingeben!
Gibt es ein Zurück?
Schneeflöckchen, Weißröckchen wann kommst du geSTREIKT?
Nicht nur in Berlin streiken Sie wieder – die Studierenden, zu denen auch ich noch gehöre. Es wird spontan demonstriert, Hörsäle besetzt gehalten und eine Menge Papiermaterial produziert. Doch was sind die Forderungen der meisten Studis? In den Zeitungen lesen wir von der Abschaffung des Bachelor, von übermenschlichem Workload, von Anwesenheitspflicht trotz viel zu voller Hörsäle und noch Einigem mehr. In den meisten Fällen werden Forderungen frei nach dem kleinsten gemeinsamen Nenner erarbeitet. Es entstehen Argumente, die genauso einfach beiseite zu fegen sind wie aufzustellen.
Schaut mensch nur einmal in die Riege der Verantwortlichen, der Politiker in Bund und Ländern, so sieht mensch wie einfach die Argumente der Studis gegen sie und ihre Hochschulen verwendet werden können. Allerorts begegnet man Augenwischereien à la “Jetzt sind die Hochschulen in der Pflicht ihr Hausaufgaben zu machen.”. Die Kultusministerkonferenz, diejenigen die flächendeckend verantwortlich sind für eine Abkehr von humanistischen Grundidealen an Universitäten wie dem “studium generale” oder dem Prinzip Lehren durch Lernen, bestreitet sogar rotzfrech jede Problematik im “neuen” Studienalltag und redet von “kleinen Justierungen” die vorgenommen werden müssen. Die streikenden Studis brauchen sich über solche Schläge ins Gesicht der (noch) denkenden Studierendenschaft garnicht zu wundern! Zu einfach ist schon für Diplom-Studierende den Bachelor-Workload mit ihrem Studiengang zu vergleichen und festzustellen, dass es damals auch nicht anders war. Zu einfach können sich derzeit die Politiker mit der Autonomie der Hochschulen und Universitäten aus der Affaire ziehen. Zu einfach lassen sich die kleinen und kleinsten Effekte eines größeren und verheerenderen Zusammenhanges beiseite wischen und wegdiskutieren.
Dieser Zusammenhang hat viel mit den sogenannten Leistungsbemessungskriterien zu tun, die Bund und Länder für die Grundfinanzierung von Bildung festsetzn. Im Allgemeinen ließt mensch an dieser Stelle von “Drittmittelvolumen, Wissenstransfer, Forschungsleistung und Studienzahlen (Abgeordnetenhaus Berlin). Hier zeigt sich eine Verteilung, die Beispielhaft für die Interessen der entscheidenden Gremien und Politiker ist. Nicht nur, dass Hochschulen und Universitäten nicht grundsätzlich ausfinanziert werden (laufende Kosten, Personal), sie werden zum Wohle der Wohlstand- und Wissensgesellschaft sowie für Information und Innovation konditioniert, ihre Forschungsleistung, Konkurenzdenken und Ehrgeiz über die kritisch analytische Auseinandersetzung an sich, zu stellen. Lernende werden mehr und mehr sich selbst und einem naturgegebener Maßen unmenschlichen System überlassen werden müssen und gezwungen, sich dem Plan, dem Ziel und der Leistung zu verschreiben um zu bestehen.
Wer also will noch von Übungsblättern reden, wenn die Aufgabe vor Ihm oder Ihr liegt, ein System zu zurückzuerobern, welches sich längst verselbstständigt hat oder einen Habitus zu ändern, der die falschen Ziele vorgibt? Deshalb vergesst nicht die
zu fordern.
Wir sehen uns bei der nächsten VV.
Pünktlich zum Start der Karnevalssaison berät der Wissenschaftliche Parlamentsdienst des Abgeordnetenhauses über die aktuellen Entwürfe zu den Hochschulverträgen zwischen dem Berliner Senat und den Berliner Universitäten und Hochschulen.
Der WPD sieht sich gezwungen ein Gutachten zur folgenden Fragestellung zu erarbeiten (Quelle: Vors-an-Präs (WPD)):
Der Ausschuss bittet auf der Basis der Drs 16/2721 zu prüfen,
ob mit der Formulierung von § 2 Abs. 1 der Hochschulverträge (siehe Anlagen 1 bis 11 zur Vorlage – zur Beschlussfassung – über Abschluss von Hochschulverträgen gemäß Artikel II § 1 Abs. 1 und 4 Haushaltsstrukturgesetz 1997) ein Rechtsanspruch der Hochschulen auf Finanzierung der in § 2 Abs. 1 der Hochschulverträge genannten Beträge bei gleichbleibender Leistungserbringung durch die Hochschulen besteht, oder ob § 2 Abs. 1 der Hochschulverträge dem Haushaltsgesetzgeber die Möglichkeit eröffnet, die Haushaltsansätze 2012 und 2013 gegenüber den in § 2 Abs. 1 der Hochschulverträge genannten Beträgen bei gleichbleibender Leistungserbringung durch die Hochschulen abzusenken.
Während der Arbeit an der TU-Berlin, an der ich unterrichte und studiere, ist auch der Einzug der neuen Erstsemester nicht an mir vorüber gegangen. Wiedereinmal sind über Gebühr viele Studierende neu “eingewandert”. Sie wissen nichts von dem zurückliegenden Streik oder haben nur entfernt vernommen, dass “da etwas war”. Sie wissen nicht, dass viele von uns dafür gekämpft haben, dass sie noch Lehrveranstaltungsplätze haben, Tutoren und Assistenten sie unterrichten und Professoren sie prüfen.
Mit “Zuckerbrot und Peitsche” hat der Berliner Senat das Ruder gerade noch einmal herum gerissen. Der Lehrbetrieb an Universitäten und Fachhochschulen konnte aber nur mit einem “Darlehen” von Bund und Land in diesem Semester aufrecht erhalten werden. Und so müssen wiedereinmal die Lehrenden und Lernenden selbst ausbaden, was ein Versäumnis des Berliner Senates war. Statt die im Jahre 2004 gemachten Tarifverträge in die Finanzplanung des Berliner Bildungsetats einzubeziehen und so die längst fälligen vollen Zahlungen für Mitarbeiter der Universitäten zu gewährleisten, begnügt sich die Stadt damit einen geringen Teil zu zahlen und in Kauf zu nehmen, dass sich betroffene Bildungseinrichtungen beim Bund weiter verschulden. Nicht genug, dass die Universitäten ihr Grundausstattung aus Darlehen bezahlen müssen, ist sich der Senat dabei nicht zu schade ständig selbst “regulierend” in den Betrieb und die Eigenverantwortung der Universitäten einzugreifen. Die demokratische Selbstverwaltung der Unis und Fachhochschulen wird dabei untergraben und ausgehebelt.
Doch auch hier regt es sich. Es wird ein nächster Bildungsstreik organisiert, der schon im November stattfinden soll. Endlich sind auch die Piraten an den Hochschulen angekommen und organisieren sich. Eine breite studentische Öffentlichkeit beobachtet gespannt, was sich da zusammenbraut. Unsere Aufgabe ist es jetzt zu informieren und streitbare Argumente für die freie akademische Selbstverwaltung in die Studierendenschaft, zu den Beschäftigen und in die Verwaltung zu tragen. Noch haben die großen Einrichtungen höherer Bildung in dieser Stadt ein Recht auf eine eigene Verwaltung. Noch können alle Statusgruppen zusammen demokratisch und freiheitlich entscheiden wie Leistungsbemessung, Qualittätsmanagement, Forschungsbetrieb und Lehrbetrieb organisiert werden sollen. Starke persönliche Interessen einzelner Senatoren können überwogen werden. Einzig der Willen und eine breite Zustimmung sind notwendig.
Deshalb meldet Euch, schreit raus, erzählt dem Banknachbarn in der Vorlesung oder Einfach den Mitbewohnern was Euch auffällt, stört, peinigt oder wütend macht. Hört zu und streitet miteinander auf ein gemeinsames Ziel hin. Dies ist kein Aufruf zu ungezügeltem Protest. Es ist ein Aufruf zur Politisierung der Bildungseinrichtungen in dieser Stadt.
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